Szenenwechsel


Text und Fotos: Gunther Stoschek

Augenzwinkernd und weil verjährt, erzählt uns Vivien, dass sie einmal dabei war, als Gesinnungsgenossen den Hochsitz eines „bösen“ Jägers umsägten. Eigentlich müssten wir wegen dieses Frevels jetzt entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch stattdessen erinnern wir uns an die Lebenswege zweier sehr populärer deutscher Minister, die vor ihrer politischen Karriere der linken Szene ebenfalls sehr nahe standen. Manchmal vielleicht näher als erlaubt. Als Innen- bzw. Außenminister wandelten sich ihre Ansichten und Aussagen über die Jahre hinweg, aber in einer Weise, die uns heute nur noch staunen lässt.

Eine weiße Maus aus der Kühlbox – der junge Kauz betrachtet sein Frühstück noch mit großer Skepsis
Eine weiße Maus aus der Kühlbox – der junge Kauz betrachtet sein Frühstück noch mit großer Skepsis

Auch Viviens Leben ist von einem Wandel des Denkens und Handelns geprägt, wobei sie längst nicht allen ihrer einstigen Ideale abgeschworen hat. Ihre ausgesprochen enge Verbundenheit zur Natur und die große Tierliebe hat Vivien sich nicht nur bewahrt, sondern ihren Beobachtungssinn dafür sogar noch weiter geschärft.

Abgelegt hat sie allerdings inzwischen ihre strikt vegane Lebensweise. Ihre besondere innere Nähe zu Eulen und Käuzen waren für den Sinneswandel mit verantwortlich. Dass nämlich gerade diese Tiere Jäger und Fleischfresser sind, brachte Viviens einstiges Weltbild schon früh ins Wanken. Zudem begann sie zu spüren, dass ihr die vegane Ernährung nicht mehr guttat und sich bei ihr schon deshalb etwas ändern musste.

 

„Es werden sehr viele Jungvögel zu uns gebracht. Die aufzupäppeln macht natürlich am meisten Spaß. Da bekommt man richtige Muttergefühle.“

 

Da Vivien der konventionellen Fleischproduktion sehr kritisch gegenüber stand, kam ihr erstmals der Gedanke, sich das notwendige Fleisch selbst zu erjagen. Doch mangels jeg­licher Verbindung zu Jagd und Jägern schien ihr dieses Ziel nur schwer erreichbar. So begann Vivien zunächst, sich ehrenamtlich in der Greifvogelauswilderungsstation Haßloch zu engagieren. Arbeit fand sie dort mehr als genug. Milane, die durch Windräder verletzt und oft nicht mehr zu retten waren, oder aus Unwissenheit von Spaziergängern aufgesammelte, junge Käuze – ständig gab und gibt es Neuzugänge. Um all diese Vögel gesund zu pflegen und dann wieder auszuwildern, braucht es neben dem nötigen Fachwissen enormes Feingefühl und vor allem sehr viel Zeit.

Die jungen Turmfalken hat der Sturm aus ihrem Horst geweht. Ohne fremde Hilfe wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen.
Die jungen Turmfalken hat der Sturm aus ihrem Horst geweht. Ohne fremde Hilfe wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen.
Die jungen Turmfalken hat der Sturm aus ihrem Horst geweht. Ohne fremde Hilfe wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen.
Die jungen Turmfalken hat der Sturm aus ihrem Horst geweht. Ohne fremde Hilfe wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen.
Ihrem älteren Verwandten macht dagegen eine schwere Augenverletzung zu schaffen. Vivien muss ihn mehrmals täglich versorgen
Ihrem älteren Verwandten macht dagegen eine schwere Augenverletzung zu schaffen. Vivien muss ihn mehrmals täglich versorgen

Der Gedanke ans Jagen ging Vivien damit aber nicht verloren. Im Gegenteil, denn vor allem die Jagd mit Greifvögeln übte eine immer größere Faszination auf sie aus. Doch davor stand eine große Hürde. Der Weg zum Falknerjagdschein führt über das Bestehen einer regulären Jägerprüfung, weshalb Vivien ihrem Vorhaben mit sehr gemischten Gefühlen entgegen sah. Das Bild, das ihr bislang von der Jagd vermittelt worden war, hatte ihre Sympathie für Jäger nicht gerade gesteigert. Zu ihrem eigenen Erstaunen aber konnte Vivien schon während der ersten Unterrichtsstunden in einer privaten Jagdschule so manches Vorurteil ablegen. Der Leiter, Inhaber eines renommierten Pfälzer Jagdgeschäftes, sowie andere, sehr erfahrene Referenten verstanden es nämlich ausge­zeichnet, Vivien die Augen für die Komplexität der jagdlichen Zusammenhänge zu öffnen. Dabei begann sie zu spüren, dass Jäger sehr wohl Naturschützer sind und keinesfalls nur „Tiermörder“. Verständlicherweise fühlte sich Vivien unter den angehenden Jägern anfangs als Außenseiterin. Zu deutlich unterschied sie sich mit ihrem sehr speziellen Äußeren von ihren Mitschülern, aber auch den Ausbildern und Jägern. Erstaunten Blicken folgten jedoch meist viele neugierige Fragen und so gab es Gesprächsstoff genug, alleine was ihre Person betraf. Für Vivien sollte das kein Nachteil sein. Sie betreibt ein kleines Tattoo-Studio, und der Kontakt mit ihr hat eine ganze Reihe Jagdscheinanwärter und Jäger auf die Idee gebracht, sich von ihr ein unverwechselbares Kunstwerk stechen zu lassen.

Natürlich konnte Vivien während der Jagd­ausbildung mit ihrem umfang­reichen Wissen über Greifvögel brillieren. Bei manchen Mitgliedern des NABU, dem Betreiber der Auswilderungsstation, sorgten Viviens neue Ambitionen dagegen für etwas Stirnrunzeln. Heute aber wird sie dort nicht nur als Jägerin akzeptiert, sondern dank ihres großen Engagements auch überaus geschätzt. Vivien ist deutlich anzusehen, mit welcher Hingabe sie sich um ihre Schütz­linge kümmert. Man spürt sofort, dass diese Aufgabe ihre wahre Berufung ist. Dass sie parallel dazu als vertrauenswürdige Vermittlerin zwischen Jägern und nichtjagenden Naturschützern fungiert, kann ihr nicht hoch genug angerechnet werden – vor allem deshalb, weil wir Jäger es lange genug versäumt haben, unsere Liebe zur Natur öffentlich ins rechte Licht zu rücken.

Auch bei Jagdwaffen hat Vivien ein Faible für das Extravagante, wie z.B. Schafteinlagen aus Rochenleder
Auch bei Jagdwaffen hat Vivien ein Faible für das Extravagante, wie z.B. Schafteinlagen aus Rochenleder
Jahrelang im Wald zu Hause, hat Vivien als Jägerin ein unglaublich gutes Gespür für das Verhalten des Wildes entwickelt
Jahrelang im Wald zu Hause, hat Vivien als Jägerin ein unglaublich gutes Gespür für das Verhalten des Wildes entwickelt