Wie die Lemminge


Text: Karupelv Valley Project, Redaktion, Fotos: Minox

Der Winter dauert hier neun Monate, und für das, was sich Sommer nennt, haben Mitteleuropäer höchstens ein Frösteln übrig. Stürme erreichen Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 km/h und an windstillen Tagen machen Moskitoschwärme den Aufenthalt im Freien zu einer Tortur. Die Nordostküste Grönlands, die zu den extremsten Landschaften auf der Erde gehört, beherbergt den größten Nationalpark der Welt. Mit einer Gesamtfläche von 956700 km² ist er größer als Frankreich und Großbritannien zusammen.

Hier am Polarkreis sind wir Forscher darauf angewiesen, dass unsere technische Ausrüstung auch bei extremen Wetterlagen zuverlässig funktioniert.

Im Rahmen von Sonderprojekten, die teilweise über mehrere Jahre laufen, werden mit Hilfe von Satellitentelemetrie Daten zur Raumnutzung und zum Verhalten einzelner Beutegreifer erhoben.
Im Rahmen von Sonderprojekten, die teilweise über mehrere Jahre laufen, werden mit Hilfe von Satellitentelemetrie Daten zur Raumnutzung und zum Verhalten einzelner Beutegreifer erhoben.
Die MINOX Kameras erlauben eine kontinuierliche Beob­achtung der Wildtiere und helfen damit, die Auswirkungen von Klimaveränderungen besser zu verstehen.
Die MINOX Kameras erlauben eine kontinuierliche Beob­achtung der Wildtiere und helfen damit, die Auswirkungen von Klimaveränderungen besser zu verstehen.

Im Süden des Nationalparks liegt die sogenannte Fjordregion, die durch kleine und große Inseln zwischen tief eingeschnittenen Fjorden mit zum Teil steilen Felswänden gekennzeichnet ist. Hier läuft seit 1988 das an der Universität Freiburg angesiedelte und von der französischen GREA (Groupe de Recherchesen Ecologie Arctique) betriebene
„Karupelv Valley Project“ unter der Leitung von Dr. Benoît Sittler. Dieses langjährige Forschungsvorhaben dient der Klärung der in der Wissenschaft noch umstrittenen, aber wichtigen ökologischen Frage nach den Ursachen der Lemming-Zyklen. Bei dem hier gewählten Ansatz versuchen die Wissenschaftler, neben der Populationsdynamik der Lemminge auch die von den Lemmingen abhängigen Fressfeinde zu erfassen. Die Dynamik der Lemming-Population wird seit 1988 auf jährlicher Basis anhand der Winternester auf einer Fläche von 1500 ha ermittelt. Die Fressfeinde, die vor allem im schneefreien Sommer ihren Einfluss ausüben, werden durch Brutbelege (Schnee-Eule und Raubmöwen) oder das Kontrollieren der Baue (Polarfüchse) erfasst.

Zur Erhebung dieser Daten stellt MINOX Wildkameras und Fotofallen zur Verfügug. Diese dienen zum Monitoring von Bodenbrüternestern, aber auch zum Überwachen des Verhaltens von Polarfüchsen und Schnee-Eulen. Das Expeditionsteam ist nur wenige Wochen vor Ort. Mit Wildkameras erhält es die Möglichkeit, die Beobachtungen während des restlichen
Jahres fortzuführen. Das ist ein Extremtest für die Kameras. Die tiefste Temperatur, bei der eine Kamera noch ausgelöst hat, waren -27°C. Die Umgebungstemperaturen liegen zwischenzeitlich noch weit niedriger, aber da ist wohl kein Tier mehr vorbeigezogen. Die Beobachtungen der letzten zehn Jahre deuten nun auf Änderungen hin, die mit dem Klimawandel in Verbindung stehen könnten. Die fehlenden Spitzen in der Population der Lemminge wirken sich direkt auf den Nachwuchs der Beutegreifer aus, die auf die Lemminge angewiesen sind. So wurde in den letzten zehn Jahren nur noch ein einziges Brutpaar von Schnee-Eulen registriert (gegenüber einer Gesamtzahl von ca.
50 Brutpaaren für den Zeitraum 1988–1999). Die Realität des Klimawandels, dessen Folgen auf das Ökosystem erst durch solche Langzeitbeobachtungen dokumentiert werden können, steht auch im Fokus der jetzigen Fortsetzung des Projektes.