Die Erste und die Letzte


Text und Fotos: Julia Numßen

Fünf Uhr am Morgen. Karl Hörmann, Berufsjäger bei den Bayerischen Staatsforsten, wirft sich seinen hellgrünen Rucksack über den Rücken. „Auf geht‘s, Hannes. Schaun‘ wir mal, ob wir die Gamsgeiß finden, die ich für dich ausgeguckt hab‘. Sie ist alt und führt kein Kitz mehr.“ Schon stiefelt er los. Mit dabei: seine Tiroler Bracke Bella. Die Sonne hält sich bedeckt, die Wolken legen sich an diesem Morgen wie ein grauer Schleier über die Berge. Hannes heftet sich an die Bergstiefel von Karl. Zügig geht es den Wandersteig hoch. Der See direkt vor uns schimmert grau und die Ränder sind ausgetrocknet. „Verdammt heiß ist‘s in diesem Sommer“, sagt Karl. „Der See hat sonst mehr Wasser. Und wenn die Sonne scheint, leuchtet er smaragdgrün.“ Karl greift zum Fernglas, glast systematisch die Hänge ab. „Da hinten, zwischen den Latschen, da stehen ein paar Gemsen.“ Hannes späht durch sein ZEISS Victory RF 10×42. Richtig, da zwischen den Kiefern entdeckt er vier Stück. „Sind das Böcke oder Geißen, Karl?“ „Das sehen wir uns aus der Nähe an. Mit Spektiv. Aber zuerst müssen wir über die Wiese laufen und dann noch etwas höher hinauf.“

Das Geröll liegt locker, gibt unter den Bergstiefeln nach. „Pass auf! Und schau immer Richtung Grat, ob dort oberhalb von dir eine Gams zieht. Von dort können sich auch Steine lösen!“, gibt Berufsjäger Karl Hannes mit auf den Weg.
Das Gamswild steht entspannt in den Felsen und schaut sich Wanderer und Jäger von oben an.
Die Tiroler Bracke Bella wittert das Gamswild längst, bevor die Jäger es sehen. Schaut sie angespannt nach oben, heißt es: Aufgepasst!

Nach einer Viertelstunde Pirsch im seichten Gelände baut Karl sein Spektiv auf und Hannes lehnt sich zurück. Der Triathlet, Bombenkondition inklusive, fühlt sich wohl. „Komisch, dass die Gemsen nicht flüchten. Die haben uns doch längst mitbekommen.“ „Na ja“, sagt Karl, „die sind Wanderer gewöhnt und außerdem haben wir Anfang August. Die Jagd auf Gams ist ja jetzt erst aufgegangen, das Wild hat noch keinen Jagddruck.“ Jedes Stück wird mittels Spektiv und Fernglas angesprochen. Von den fünf Gemsen ist keine für Hannes dabei. „Alles junge und mittelalte Böcke“, stellt Karl fest. Es wird wärmer, die Sonne saugt die Wolken auf und der Himmel über uns wird blau. Die ersten Wanderer kreuzen unseren Weg. Sie passieren die Gemsen, die 200 Meter über ihnen in den grauen Felsen stehen. „Ob die Touristen das Wild sehen?“, will Hannes wissen. Karl: „Nee, ich glaub‘ nicht.“

Die Short Rifle Patrone für die Gamsjagd

Für die Jagd auf Gams sind führige Waffen mit sehr kurzen Läufen begehrt. Der Trend, mit Schalldämpfer zu jagen, sorgt ebenfalls dafür, dass sich immer mehr Jäger für kurze Läufe zwischen 42 und 55 Zentimeter entscheiden. Damit es hier zu keinen Leistungseinbußen kommt, hat RWS die Short Rifle-Patrone entwickelt (siehe PASSION 20, Seite 16-17). Sie weist eine speziell abgestimmte Laborierung mit offensiv abbrennendem Pulver auf, das Geschossgewicht wurde angepasst und das Anzündhütchen ist extrem leistungsstark. Das heißt für die Praxis: Volle Leistung aus kurzen Läufen! Außerdem erhöht die Short Rifle-Patrone die Lebensdauer des Schalldämpfers, weil ihr Pulver vollständig im Lauf verbrennt. Es gibt die Short Rifle-Patrone in .308, 30-06 und .300 Win. Mag. in je zwei Laborierungen, als HIT (bleifrei) und als Speed Tip Professional. Beide Geschosse stehen für hohe Schockwirkung und Durchschlagskraft – auch auf weitere Distanzen. Die 8×57 IS ist als Short Rifle-Patrone erhältlich mit dem 10,4-Gramm HIT-Geschoss.

Nach einer halben Stunde zeigt Karl per Bergstock, wo die nächste Pirsch hingeht. „Wir steigen auf Richtung Felsen, queren dann die Latschenfelder und gehen hinten über den Grat in den Tobel hinein. Vielleicht hat sie sich da irgendwo versteckt.“ Das Gelände ist steinig, unter der Wiese und zwischen den Latschen lauert Geröll. Hannes stützt sich auf seinen Bergstock gegen den Hang. Er läuft langsamer, ist vorsichtig. Der Triathlet hat nicht mit seiner Ausdauer zu kämpfen, sondern mit Gleichgewicht, Trittsicherheit und Abgründen. Auf dem Weg zum Grat erspähen wir über 30 Stück Gamswild, doch auch hier ist kein passendes Stück dabei. Karl: „Wir machen noch einmal Rast. Man entdeckt ja nie alle mit einem Mal.“ Von der Anhöhe aus glasen Karl und Hannes das Gelände weiter in Ruhe ab – keine Gams für Hannes dabei. Hannes stupst mich an: „Ich glaub‘, das wird heut nichts mehr.“

Die letzte Etappe steht bevor: Auf zum Tobel. Das Queren über den stark abschüssigen Hang durch lockeres Geröll und rutschiges Gras verlangt von uns alles ab. Nach einer halben Stunde ist die Schrägpirsch geschafft. Vor uns der Tobel, ein riesiger Krater, in dem weiß leuchtende Felsen liegen. Und mittendrin: Gams! Weiblich! Karl hat schon längst sein Spektiv aufgebaut und „Mach dich fertig!“ zu Hannes geflüstert. Hannes legt die R8 auf dem Rucksack auf, repetiert die Short Rifle-Patrone mit dem SPEED TRIP PROFESSIONAL Geschoss im Kaliber .308 Win. in die Kammer. „Die Geiß dahinten, die, die auf dem großen, eckigen Stein in der Sonne liegt, die passt! Das ist nicht die, die ich für dich ausgeguckt habe, aber die Geiß ist abgekommen – und bestimmt zehn Jahre alt. Außerdem führt sie kein Kitz!“ Vor uns springen zwei Stücke ab, die Geiß wird unruhig, steht auf und zieht langsam durch das Geröll. Hannes hat längst die Entfernung gemessen: 212 Meter. Bei der Auflage kein Problem. Schnell noch die ASV heraufgeklickt. Karl: „Wenn sie verhofft, schießen!“ Die Geiß zieht seitlich nach rechts weg – und sichert rüber zu uns. Der Schuss erinnert an das „Plopp“ eines Korken, der aus der Sektflasche herausschießt. Die Gams bricht schlagartig zusammen und bleibt verendet liegen.

Zwischen Gras, Enzian und Felsen richtet sich Hannes ein, hat die nicht führende Geiß bereits im Absehen. Sie zieht nach rechts weg und verhofft. Hannes nutzt seine Chance. Er kommt auf dem Blatt ab, die Gams liegt im Feuer.

„Jetzt habt ihr die letzte Gams von Mittenwald geschossen!“ Die schlanke Mittfünfzigerin in grünen Shorts und pinker Regenjacke mit den grauen, kurzen Haaren stemmt ihre Arme in die Hüften. Hannes, schwer beladen mit der Gams im Rucksack, von der das Haupt und die Läufe zu sehen sind, weicht der Wanderin im letzten Moment aus. Er ist auf dem Weg nach unten, sie nach oben. Der Steig ist schmal und steil, der Kies rutschig wie Seife. Karl bleibt stehen, schüttelt den Kopf, lacht und sagt: „Da oben sind so viel Gemsen, da kann man schon mal eine davon schießen.“ „Glaub‘ ich nicht! Ich komme seit zehn Jahren hierher, ich habe noch nie eine einzige gesehen!“ Hannes hat inzwischen wieder Kontrolle über Rucksack, Füße und Kies gewonnen, reicht der Wandersfrau sein Fernglas und sagt: „Gucken Sie mal durch, da oben am großen Felsen, da stehen ganz viele!“ Sie greift zum Doppelglas und schwenkt zum Fels. „Tatsache. Da sind sie. Und ein paar Kleine sind auch dabei!“ Ihr Mund bleibt offen stehen. Karl grinst und brummelt dann: „Los, Hannes, die Gams wird nicht leichter!“ Die Wandersfrau gibt das Fernglas an Hannes zurück, kneift beide Augen zu Schlitzen zusammen, scannt das Gelände weiter ab und schüttelt dabei leicht den Kopf. „Wie oft ich wohl an Gemsen vorbeigelaufen bin, ohne es zu bemerken.“ Hannes läuft weiter abwärts. Die Kiesel knirschen unter seinen Bergstiefeln. Bevor der schmale Steig sich in einer engen Kurve ins Tal dreht, schaut er sich noch einmal um. Die Grauhaarige steht immer noch da, schaut hoch zum Felsen und kann ihr Glück gar nicht fassen. Genau wie Hannes, der noch vor zwei Stunden zu mir sagte: „Ich glaub‘, das wird heut nichts mehr.“

Mit der Geiß im Rucksack steigt Hannes abwärts Richtung Tal

Wir haben in den Bayerischen Staatsforsten gejagt, Forstbetrieb Bad Tölz. Hier wird ein innovatives und erfolgreiches Drei-Zonen-Jagdkonzept praktiziert: Zone 1 = konsequente Schwerpunktbejagung (Schutzwaldsanierung, Anpflanzungen), Zone 2 = normale Bejagung (i. d. R. Wald) und Zone 3 = moderate, selektive Bejagung (Gamslebensraum an und oberhalb der Waldgrenze). Für die PASSION-Reportage waren wir in der wildreichen Zone 3 unterwegs.

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